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| deutsch I english Wellen und Körner Tim Zulauf Körnung und Welle sind Phänomene des Massstabs. Denn die Wellen tragen Körner und die Körner tragen Wellen, je nach dem. Von weiter weg betrachtet (im touristischen Massstab), hat im Meer das Wogen und Schäumen Vorrang. Und wie gerne wir auch sagen würden, das Wogen und Schäumen sei eine Zusammenfassung, eine Summe oder eine Potenz der unzähligen Kleinstbewegungen von Wasser, Wind und Sand – immer empfinden wir ein atomares Knirschen, das uns die Welle, die Grossbewegung, als unendlich zersplitterte Täuschung erscheinen lässt. Es ist ein Knirschen, das niemals unsere Lesart des Zusammenhangs akzeptiert, ein Knirschen das wispert: Es gibt keine Welle. Es gibt nur einen Massstab, auf dem Wellen verzeichnet sind. Nur hören wir auch ein zweites Wispern, das Wispern der Welle: Es gibt keine Körner. Deine Körner sind meine Schwingung. parallax erzählt von dem widerborstigen Gemisch aus Körnern und Wellen, besingt es, stellt es her. Bernd Schurers Komposition legt in ihrer achtteiligen Gliederung acht Facetten frei, die alle von einem unhintergehbar verstrickten Klangbild zeugen: Denn ebenso wie sich Korn und Welle umschlingen, so umschlingen sich in parallax das Musikalische und das Bild. Die Zwischenstufen, auf denen Bernd Schurer die sehende Hörerfahrung zur hörenden Seherfahrung auffächert, gleiten hin und her. Sie verschieben sich ständig, werfen Falten und ziehen die im europäisch-westlichen Empfinden angelegten Oppositionen auf glattes Parkett. Denn was passiert mit dem angesprochenen Massstab, sobald er sich selber zu bewegen beginnt, sobald er Luft fächelt, Schallwellen erzeugt, Schmetterlinge zum Torkeln bringt oder Städte versenkt? Hören wir parallax, dann hören wir, wie algorithmische Wellenklänge herannahen, wie ihre wellige Glätte zu Mikrorhythmen zerbröselt – Mikrorhythmen, die in ihren klopfenden Partikeln wiederum singende Melodiebögen von riesiger Spannweite bergen, Sägewerke, die Wälder zerlegen. Kläffende Stimmen hallen durch die Räume, Singsang und Zählvers klingen an, Bombengewitter heulen auf und flachen ab zur immer flacher werdenden Linie eines medizinischen Oszillographen. Herzstillstand, kein Puls mehr. Die in Schnitten montierte, eigendynamisch-errechnete Klangwelt durchschneidet unsere Emotionen und die ihnen zugrunde liegenden Konventionen. Sie provoziert unsere emotionale Bindung an die Konvention und provoziert die Konventionen unserer Emotionalität. Provoziert: Sie lockt beide heraus aus ihrer Behausung, outet sie als Paar. Und wie Emotionalität und Konventionalität dann Hand in Hand dastehen in den Klangwolken und den Hagelklängen und den Regenbögen, die zwischen ihnen aufgehen, da sehen sie, wie das Romantische im Abstrakten geborgen ist und das Abstrakte im Romantischen. Denn parallax zoomt nach Hörbildern bis in den Kitsch und durch ihn hindurch. Wer angeschlagen am Strand liegt, das Auge halb unter Wasser, Welle für Welle eingetaucht in das heranleckenden Meer – der sieht: Salz und Sandkörner, Muschel- und Algenreste, deren einzelne, chaotisch-tänzerische Bewegung bis an die Hornhaut reicht. Jedes Korn äussert sich hier mit Geräusch. Jeder Partikel hinterlässt Reibungsspuren, mit denen er sich unzählige Male seiner Existenz versichert. «Die akustischen Körner klopfen an das Sehen an», denkt derjenige, der so am Strand liegt. Denn er ging als Matrose über Bord des Trunkenen Schiffs. Er wurde abgeworfen vom romantischen Vehikel. Er sank auf Grund als «Wasserleiche», trieb weiter als «Treibgut, das versonnen und selig war und fahl». Er wurde an Land gespült, untot. Und obwohl dieser untote Matrose von den Reisen des Rimbaud-Schiffs, des «mondgefleckten, elektrischen Ichs», nichts wissen kann, so sieht er in den körnigen Wellen von parallax doch eine romantische Freiheit: Sich vom Ineinandergleiten der verschiedenen Massstäbe beflügeln zu lassen, glitschig zu werden wie ein Flugfisch, geflügelt zu sein wie ein Schuh des Hermes – und dabei doch immer dasselbe Nervenbündel zu bleiben: molekular, rekombinierbar, offen. |
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